Heijunka im Mittelstand

Glättung ist kein Selbstzweck

Heijunka, die Glättung von Produktion und Bedarf, ist ein zentrales Lean-Prinzip.
In der Praxis mittelständischer Unternehmen mit kundenindividueller Konfiguration stellt Heijunka jedoch regelmäßig eine große Herausforderung dar.

Produktvielfalt, Variantenreichtum und wechselnde Auftragsstrukturen lassen sich nicht einfach „glätten“.
Heijunka wird hier nicht zur einfachen Methode, sondern zu einem Gestaltungsprinzip für das gesamte Produktionssystem.


Heijunka bedeutet mehr als Ausgleichen

Häufig wird Heijunka auf das gleichmäßige Verteilen von Aufträgen reduziert.
Das greift zu kurz.

Der Roman „Das Ziel“ von Eliyahu Goldratt macht plakativ deutlich, worum es wirklich geht:

Fluss entsteht nicht durch Gleichverteilung, sondern durch das gezielte Gestalten und Entlasten von Engstellen. Dabei wird nicht überall gleichzeitig optimiert, sondern bewusst am systemischen Engpass.

Heijunka heißt deshalb nicht nur:

  • Aufträge ausgleichen

sondern auch:

  • Engpässe erkennen
  • Engpässe gezielt reduzieren
  • den Gesamtfluss des Systems verbessern

Die Lösung liegt nicht im „Wegglätten“ der Vielfalt, sondern im intelligenten Clustern von Produktgruppen zu modularen Produktionseinheiten mit ähnlichen Prozessanforderungen.


Fluss statt lokale Optimierung

In hochvarianten Produktionsumgebungen führt lokale Optimierung oft zu:

  • Wartezeiten
  • Zwischenbeständen
  • häufigem Umrüsten

Heijunka wird hier zum Mittel, Produktfamilien und Produktionslogiken neu zu denken.

Statt jedes Produkt einzeln zu betrachten, werden:

  • ähnliche Produktgruppen gebildet
  • Produktionsbereiche zu flexiblen Einheiten zusammengefasst

Ziel ist nicht maximale Auslastung, sondern stabiler Fluss.


Generalisten statt Spezialisierung

Bei großer Produktvielfalt stößt starke Spezialisierung schnell an Grenzen.
Heijunka erfordert deshalb ein höheres Maß an Generalistentum bei den ausführenden Mitarbeitern.

Das bedeutet:

  • breitere Qualifikation
  • flexibler Personaleinsatz
  • weniger Abhängigkeit von Einzelpersonen

Diese Entwicklung ist kein Selbstzweck, sondern Voraussetzung dafür, Produktvielfalt beherrschbar zu machen.


Hohe Anforderungen an die Produktionsplanung

Heijunka stellt besonders hohe Anforderungen an die Produktionsplanung.

Sie muss:

  • Varianten strukturieren
  • Engpässe berücksichtigen
  • Reihenfolgen bewusst gestalten

Gleichzeitig bleibt das Ziel klar:
One-Piece-Flow, soweit technisch und organisatorisch möglich.

Heijunka ist dabei kein starres Schema, sondern ein dynamisches Ausbalancieren zwischen Bedarf, Fähigkeiten und Engpässen.

Heijunka kann hier als taktisches Mittel dienen, um die Belastung des Engpasses gezielt zu steuern – etwa durch sequenzierte Auftragsfreigabe oder gezielte Pufferung im Prozess.

Unterstützend wirken Werkzeuge wie taktische Heijunka-Boards, digitale Sequenzierungslogik (z. B. in MES-Systemen) oder simulationsgestützte Planung.


Ohne stabile Prozesse kein Heijunka

Ein oft unterschätzter Punkt:
Heijunka braucht stabile Prozesse.

Instabile Abläufe, wechselnde Standards oder ungeklärte Verantwortlichkeiten lassen sich nicht glätten. Sie müssen zuerst stabilisiert werden.


Lean praktisch gedacht

Heijunka im Mittelstand bedeutet nicht perfekte Glättung.
Es bedeutet, Fluss bewusst zu gestalten, Engstellen zu reduzieren und Organisation, Qualifikation und Planung gemeinsam weiterzuentwickeln.

Nicht Ausgleich um jeden Preis, sondern stabiler Fluss im Gesamtsystem ist das Ziel.

Heijunka ist deshalb:

  • kein Einstieg in Lean
  • sondern ein Reifegradmerkmal
  • ein Wegbereiter für One-Piece-Flow – durch rhythmische Taktung, reduzierte Losgrößen und gezielte Reihenfolgeplanung

Der One-Piece-Flow ist das Ideal – aber nur erreichbar bei stabilen Prozessen, geringer Varianz und hoher Flexibilität.

Share